Peyote braucht in Kultur eine rein mineralische Kakteenerde. Staunässe verhindert eine Drainageschicht aus Tonscherben oder grobem Aquarienkies. © Charlie Edward/Shutterstock.com
Kein Mensch würde Peyote aufgrund seines widerlichen, extrem bitteren Geschmacks essen und sich über das anschließende stechende Gefühl im Hals freuen. Deshalb würde keine Volksgruppe eine 500 Kilometer lange Pilgerreise in die Wüste auf sich nehmen, um einen unscheinbaren graugrünen Kaktus zu sammeln, der selbst im hohen Alter nur so groß wie ein halbierter Apfel ist. Die Kirche wäre nicht Sturm gegen dieses Gewächs gelaufen, hätte es nicht verteufelt und seinen Verzehr mit Kannibalismus gleichgesetzt, hätte es nicht diesen einen Inhaltsstoff: Meskalin. Ein Alkaloid, das den Menschen zu Kopf steigt und ihn verdreht. In seiner Wirkung vergleichbar mit LSD, aber 10.000 Mal schwächer. Eine sehr alte Droge, „bewährt“ seit mehr als 5.000 Jahren.
Droge mit Tradition
Peyote (Lophophora williamsii) hat u. a. sein natürliches Verbreitungsgebiet in der ChihuahuaWüste im Grenzgebiet von den USA und Mexiko. © Zack Frank/Shutterstock.com
Verbreitet in den niederschlagsarmen Regionen von Süd-Texas bis ins nördliche Mexiko, diente Peyote (Lophophora williamsii) bereits seit tausenden Jahren den indigenen Völkern dieser Landstriche als Schamanen- und Heilpflanze. Der Kaktus war immer schon ein essenzieller Teil ihrer Kultur. Durch ihn erlangten die Schamanen eine höhere Bewusstseinsebene, konnten sie mit den Ahnen kommunizieren, wurden eins mit der Natur und sahen deren Ursprung. Die Menschen verwendeten Peyote, um diverse Beschwerden wie Zahn- und Brustschmerzen, Fieber, Hautkrankheiten, Rheuma, Diabetes, Blindheit und Schmerzen bei der Geburt zu lindern. Ausschließlich verzehrt bei Ritualen, Zeremonien oder bei Krankheit, war der Peyote-Rausch nie Selbstzweck, im Gegensatz zum sonstigen Drogenkonsum im neuzeitlichen Europa. Trotzdem, seit der Entdeckung Amerikas durch die spanischen Konquistadoren, führte der Peyote-Kult immer wieder zu Unterdrückung und Verfolgung. Den Behörden und christlichen Missionaren war er mehr als nur ein Stachel im Auge: Peyote-Konsum wurde verfolgt und hart bestraft. Doch wie so oft, überlebte der Kult im Untergrund. Er verbreitete sich sogar unter den Indianern Nordamerikas, die bis dahin Peyote gar nicht kannten, wurde fixer Bestandteil ihrer Religion. Fast 100 Jahre kämpften sie für Anerkennung und legalen Peyote-Konsum, gründeten eine eigene Kirche, die „Native American Church“. Doch erst seit 1978 legitimiert in den USA ein Gesetz die rituelle Verwendung von Peyote bei indigenen Religionen. In allen anderen Angelegenheiten fallen der Kaktus bzw. sein Inhaltsstoff Meskalin unter das Suchtmittelgesetz und sind verboten.
Heute zählt die Native American Church ca. 250.000 Anhänger von dutzenden verschiedenen indianischen Stämmen. Die mexikanische Volksgruppe der Huicholen konnte sich, dank ihrer abgeschiedenen Siedlungsgebiete, lange der Christianisierung entziehen. Für sie ist Peyote seit jeher eine heilige Pflanze, die sie vergöttern und der sie Opfer bringen. Jährlich begeben sich die Huicholen auf eine, wie eingangs erwähnt, 500 Kilometer lange Wallfahrt in die Wüste von San Luis Potosí, um ihren Jahresbedarf an Peyote zu sammeln.
Peyote-Trip: erst der Kater, dann der Rausch
Nur das Alkaloid Meskalin ist für den Rausch verantwortlich. Es aktiviert und bindet an einen bestimmten Serotonin-Rezeptor im Gehirn an. Die gewünschte Wirkung tritt nach 1 bis 2 Stunden ein. Zuvor hat der Berauschte erst mit unangenehmen Empfindungen, wie Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Schwindel, Zittern und Schweißausbrüchen – wie bei einem Kater –, zu kämpfen. Die Symptome gehen zurück und je nach eingenommener Menge kommt es zu physischen und psychischen Veränderungen: bei niedriger Dosis (2 – 3 mg/kg Körpergewicht) nur zu einer Steigerung der Kampf- und Fluchtbereitschaft, zu einem Anstieg des Blutdrucks und der Körpertemperatur, zu einer Zunahme der sexuellen Lust. Erst 5 bis 10 mg Meskalin pro Kilogramm Körpergewicht lösen einen Rauschzustand aus. Der Konsument sieht Farben intensiver, hört Geräusche lauter, er hat Halluzinationen, das Denken fällt ihm leichter. Er schwebt in Euphorie und Seligkeit, doch er verliert jegliches Raum- und Zeitempfinden, seine Emotionen sind stark reduziert, die Grenze zwischen der eigenen Person und anderen verschwimmt. Eine noch höhere Dosis führt zu ausgeprägten Halluzinationen, die anfängliche Europhie verschwindet und wird von einem passiven Lähmungszustand abgelöst. Starke Schmerzen können auftreten, es folgen Bluthochdruck, Atemdepression und Leberschäden. Die Meskalin-Wirkung erreicht nach 5 bis 6 Stunden ihren Höhepunkt, nach spätestens 12 Stunden ist der Rausch vorbei. Die Menschen nehmen Peyote frisch, getrocknet, zermahlen, als Pulver in Kapseln gefüllt oder aufgebrüht als Tee zu sich. Der getrocknete Kaktus enthält ca. 1 % Meskalin.
Zierpflanze Peyote
In der Mitte des fleischigen Sprosses wächst eine kleine rosa bis weiß gefärbte Blüte. © Bob Cheung/Shutterstock.com
Sein Inhaltsstoff Meskalin ist zwar verboten, Peyote selbst können Sie aber in Österreich und Deutschland kultivieren, solange Sie ihn nicht verspeisen. Er gehört sicher nicht zu den spektakulärsten Kakteen, doch er besticht durch seinen graugrün bis bläulich grün gefärbten, kugeligen Spross, an dessen Rippen graue Wollbüschel – ohne Dornen – sitzen. Am Scheitel ist er meist eingesenkt, aus dem „Krater“ erscheinen im Sommer zarte rosa bis weiß gefärbte Blüten. Die keulenförmige Beere enthält kleine schwarze Samen. Das Einzige, was Ihnen der Kaktus tatsächlich abverlangt, ist Geduld. Peyote wächst unglaublich langsam: Von der Samen-Keimung bis zur ersten Blüte dauert es in etwa 13 Jahre. Sie können sein Wachstum aber um einiges beschleunigen, indem Sie ihn auf einen anderen Kaktus pfropfen. San Pedro (Trichosereus pachanoi), Pereskiopsis spathulata, Säulenkakteen oder Opuntien sind als Unterlagen geeignet.
Standort und Pflege
Als Gewächs der Wüste braucht Peyote viel Sonne und Trockenheit. Von Frühling bis Herbst sind der beste Standort ein südost- bis südwestseitig gelegener Balkon oder eine ebensolche Terrasse mit einem Dach oder Überstand, der ihn vor Regen schützt. Natürlich fühlt er sich auch auf der Fensterbank, im Gewächshaus oder im Wintergarten wohl – vorausgesetzt, die Lichtverhältnisse passen, denn Dunkelheit verträgt er nicht. Sinken die Nachttemperaturen unter 8 °C, gehört der Kaktus ins Haus.
Gießen Sie in Maßen – nur wenn das Substrat vollkommen durchgetrocknet ist und am besten mit Regenwasser. Tauchen Sie den Topf ins Wasser, bis er sich vollgesogen hat und lassen Sie das überschüssige Wasser gut abtropfen. Düngen Sie nur während der Wachstumsperiode. Im Hochsommer darf es aber durchaus auch wöchentlich ausschließlich Mineraldünger sein.
Um den Kaktus zum Blühen zu bringen, sollten Sie ihn von Mitte Oktober bis Anfang März gänzlich ohne Wasser möglichst kühl, aber frostfrei überwintern. Wintergärten, ungeheizte Treppenhäuser, Keller, Dachböden oder kühle Vorratsräume mit Fenster sind gute Plätze dafür. Bei über 12 °C sollte der Standort hell sein. Gegossen wird nicht – die Pflanze kann durchaus so viel Wasser verlieren, dass sie unter die Erdoberfläche sinkt. Im darauffolgenden Frühjahr oder Sommer wird sie Sie zuverlässig mit ihren Blüten verzaubern.