Dass auch manche Steinbrech-Arten (Saxifraga) Insekten für ihre Ernährung nutzen könnten, vermutete bereits Charles Darwin vor mehr als 150 Jahren. Jetzt konnten Forschende erstmals eindeutig nachweisen, dass eine Art tatsächlich fleischfressend lebt.
Im Mittelpunkt der Untersuchung steht Saxifraga candelabrum, eine Steinbrech-Art aus dem tibetischen Hochland. Dort wächst sie in kargen, nährstoffarmen Gebirgsregionen. Vor allem Stickstoff ist in ihrem Lebensraum nur begrenzt verfügbar. Für die Pflanze kann es deshalb von Vorteil sein, zusätzliche Nährstoffe aus kleinen Tieren zu gewinnen.
Klebrige Blätter fangen Insekten
Die Forschenden untersuchten die Pflanzen genau und fanden auf ihren Blättern klebrige Drüsenhaare. Kleine Insekten können daran haften bleiben und sich nicht mehr befreien.
Doch allein das Fangen von Insekten macht eine Pflanze noch nicht zu einer fleischfressenden Pflanze. Sie muss ihre Beute auch verdauen und die dabei freigesetzten Nährstoffe aufnehmen können.
Auch dafür fanden die Wissenschaftler deutliche Hinweise. Duftstoffe der Pflanze helfen offenbar dabei, kleine Insekten anzulocken. Anschließend sorgen Verdauungsenzyme dafür, dass die gefangene Beute zersetzt wird.
Nährstoffe aus der Beute gelangen in die Pflanze
Besonders aussagekräftig war ein weiterer Versuch: Die Forschenden verfütterten Taufliegen an die Pflanzen, deren Stickstoff zuvor mit einem speziellen, stabilen Isotop markiert worden war. Später ließ sich dieser markierte Stickstoff im Gewebe von Saxifraga candelabrum nachweisen.
Damit war klar: Die Pflanze fängt die Insekten nicht nur, sondern nimmt tatsächlich Nährstoffe aus ihrer Beute auf und verwertet sie.
Genetische Untersuchungen lieferten zusätzliche Hinweise. Im Erbgut der Steinbrech-Art fanden die Forschenden Gene, die auch bei anderen fleischfressenden Pflanzen vorkommen und an Fang- und Verdauungsprozessen beteiligt sind.
Darwin lag offenbar richtig
Mit Saxifraga candelabrum erweitert sich damit die Liste der bekannten fleischfressenden Pflanzen um eine weitere Art. Gleichzeitig bestätigt die Entdeckung eine Vermutung, die Charles Darwin bereits im 19. Jahrhundert aufgestellt hatte.
Fleischfressende Pflanzen sind übrigens nicht auf eine bestimmte Pflanzenfamilie beschränkt. Die Fähigkeit, Tiere zu fangen und ihre Nährstoffe zu nutzen, hat sich im Laufe der Evolution mehrfach unabhängig voneinander entwickelt.
Der Steinbrech zeigt damit einmal mehr, wie vielfältig die Überlebensstrategien von Pflanzen sein können – selbst bei einer Pflanzengattung, die man im Garten eher mit hübschen Blüten als mit Insektenfang verbindet.