Was dem menschlichen Auge kaum auffällt, kann für Vögel eine wichtige Rolle spielen. Über 15 Jahre untersuchten Forschende zwei Blaumeisenpopulationen: eine in einem Waldgebiet bei Montpellier und eine auf Korsika. Jeden Frühling fingen sie brütende Altvögel ein und entnahmen kleine Proben blauer Kopf- und gelber Brustfedern. Im Labor analysierten sie deren Farbintensität. Da die Proben stets zur gleichen Jahreszeit entnommen wurden, ließen sich die Ergebnisse besser vergleichen. Insgesamt werteten die Forschenden knapp 6.000 Gefiederproben aus.
Das Ergebnis war deutlich: Im Laufe der Jahre verlor das Gefieder an Leuchtkraft. Besonders ausgeprägt war der Rückgang bei den Blaumeisen auf Korsika. Dort nahm die Farbintensität im Durchschnitt um mehr als 15 % ab. Als mögliche Ursache sehen die Forschenden die veränderten Klimabedingungen. Während der Untersuchungszeit stiegen die Temperaturen um etwa 1,2 Grad, während die Niederschläge zurückgingen. Die Analysen legen nahe, dass v. a. Umwelteinflüsse für die Veränderungen verantwortlich sind und nicht allein genetische Faktoren.
Warum leuchtende Federn zählen
Für die Blaumeisen ist die Entwicklung mehr als eine optische Veränderung. Bei vielen Vogelarten spielt das Gefieder eine wichtige Rolle bei der Partnerwahl. Kräftige Farben können Informationen über den körperlichen Zustand eines Tieres vermitteln und bei der Partnerfindung von Bedeutung sein. Wird das Gefieder blasser, könnte dieses Signal an Wirkung verlieren.Das kann Folgen für die Fortpflanzung haben: Wenn Weibchen bestimmte Männchen aufgrund ihres weniger auffälligen Gefieders seltener auswählen, könnte sich der Bruterfolg verändern. Auch die genetische Vielfalt einer Population könnte langfristig leiden, falls sich nur noch wenige Männchen erfolgreich fortpflanzen. Ob und in welchem Ausmaß diese Folgen bei den untersuchten Blaumeisen tatsächlich eintreten, muss allerdings weiter erforscht werden.
Dass Farben die Partnerwahl beeinflussen können, ist schon länger bekannt. Bereits in den 1980er-Jahren zeigte eine Untersuchung mit Zebrafinken, dass die Farbe künstlicher Beinringe die Attraktivität der Männchen für Weibchen beeinflussen kann. Das verdeutlicht, wie sensibel Vögel auf optische Signale reagieren können.
Auch andere Vogelarten verändern ihre Farbe
Die Blaumeise ist nicht die einzige Vogelart, bei der Forschende Veränderungen des Gefieders beobachten. Eine Untersuchung von Tausenden Schleiereulen-Präparaten aus Museumssammlungen, die aus den Jahren 1901 bis 2018 stammten, zeigte einen Zusammenhang zwischen Gefiederfarbe und regionalen Klimabedingungen. In wärmeren und trockeneren Gebieten waren die Schleiereulen tendenziell heller, während Tiere aus kühleren und feuchteren Regionen dunkleres Gefieder aufwiesen.
Auch bei Spatzen spielt das Klima offenbar eine Rolle. Eine Untersuchung von mehr als 5.000 Arten aus der Familie der Sperlinge deutete darauf hin, dass die Feuchtigkeit der Umwelt die Gefiederfärbung stärker beeinflussen kann als die Temperatur allein. Die Ergebnisse unterstreichen, dass Niederschlag und Feuchtigkeit für die Anpassung von Vögeln an ihre Lebensräume wichtige Faktoren sein können.