Obstbaumschnitt: Welchen Zeitpunkt die Baumphysiologie heute empfiehlt

Ein Artikel von Christiane Bartal | 12.01.2026 - 09:57
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Erst zwischen Februar und Ende März sollten Apfel- und Birnbäume geschnitten werden. Sie sind dann bereits physiologisch aktiv und können auf Verwundungen rascher reagieren. Auch der Austrieb fällt bei einem späteren Schnitt geringer aus © Cherries/Shutterstock

„Obstbäume werden im Winter geschnitten“ – so eine alte Gärtnerweisheit. Nach neueren baumphysiologischen Erkenntnissen erscheint jedoch der Spätwinter bis zum beginnenden Frühjahr – also die Phase kurz vor dem Austrieb – als empfehlenswerter. In dieser Zeit sind die Reservestoffe noch in Wurzeln und Stamm gespeichert, die Knospen beginnen aber bereits, hormonell aktiv zu werden. Schnittwunden können dann schneller mit neu gebildetem Gewebe (Kallus) überwallt werden, was die Infektionsgefahr deutlich senkt und den Wundverschluss beschleunigt.

Der Einfluss der Saftströme und Wachstumshormone

Mit zunehmender Tageslänge und steigenden Temperaturen kommt der Saftstrom langsam in Gang. Gleichzeitig steigt die Produktion von Wachstumshormonen, v. a. Auxinen und Cytokininen. Ein Schnitt in dieser Phase führt dazu, dass der Baum seine Energie gezielt in die verbleibenden Knospen lenkt.

Das Ergebnis ist ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Triebwachstum und Fruchtbildung. Wird dagegen sehr früh im tiefen Winter geschnitten, reagiert der Baum im Frühjahr oft mit starkem, unerwünschtem Wasserschosser-Wachstum. Gerade bei starkwüchsigen Obstbäumen empfiehlt sich daher ein späterer Schnitt kurz vor dem Neuaustrieb.

Warum Minusgrade ungünstig sind

Keinesfalls schneiden sollte man an Frosttagen. Bei Temperaturen unter etwa –5 °C wird das Holz spröde, Schnittflächen können ausfransen, und es entstehen mikroskopisch kleine Risse. Diese erschweren die spätere Überwallung und erhöhen das Risiko für Holzfäule und das Eindringen von Krankheitserregern. Zudem ist die Zellteilung in der Kambiumschicht bei Frost vollständig eingestellt, sodass Wunden über Wochen „offen“ bleiben, bis mildere Temperaturen einsetzen. Ideal ist daher ein Zeitraum mit dauerhaft frostfreien Tagen oder nur leichten Nachtfrösten.

Spätwinter und Vorfrühling als Kompromiss

Für Kernobst wie Apfel, Birne und Quitte liegt der physiologisch günstigste Zeitraum zwischen Februar und März, je nach Region und Witterung auch bis Anfang April. Der Baum ist noch in Winterruhe, verliert also keine nennenswerten Reservestoffe, gleichzeitig steht die Reaktivierung der Kallusbildung unmittelbar bevor. Die Schnittstellen können rasch verschlossen werden, und das Risiko von Frostschäden an den Wunden ist deutlich geringer als im Hochwinter.

Steinobst während der Vegetationszeit schneiden

Beim empfindlicheren Steinobst wie Kirsche, Zwetschke oder Marille sind Schnitte während oder kurz nach der Ernte vorteilhafter. In dieser Zeit ist der Saftstrom voll aktiv, die Wundheilung erfolgt sehr schnell, und gefürchtete Krankheiten wie Gummifluss oder Rindenkrebs treten seltener auf.

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