Die Pflanzengifte der Agatha Christie

Ein Artikel von Gerald Stiptschitsch | 15.07.2021 - 14:47
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Agatha Christies Giftmorde sind legendär. In 41 ihrer 73 Krimis verwendeten die Mörder Gift als Waffe
© Jelena990/Shutterstock

Der Fantasie von Agatha Christie entsprangen Klassiker, die das Bild von der Mordwaffe Gift bis heute prägen. Ob in „Blausäure“, „Das fahle Pferd“ oder „Nikotin“ – überall ist Gift die Mordwaffe. Chlor, Arsen, Nikotin, Morphin, Thallium, Strychnin, Salz-, Blau- und Oxalsäure. Die Liste der Gifte in den Krimis ist lang. Nicht ganz zufällig, denn schließlich arbeitete die Schriftstellerin in einer Apotheke.

Leidenschaft für hinterhältige Gifte

Christie hatte eine besondere Vorliebe für schnell wirkende und schwer nachweisbare Substanzen. In ihren Romanen werden Vergiftungssymptome und -wirkungen genau und fachkundig beschrieben. Ihre Leidenschaft dazu wurde während des Ersten Weltkriegs geweckt. In dieser Zeit arbeitete sie als Krankenpflegerin in einem Feldlazarett in Torquay und als Apotheker-Assistentin. Immer wieder machte sie sich aus persönlichem Interesse Notizen, deren Inhalt ihr später als Schriftstellerin hilfreich waren.

In sorgfältig gegliederten Notizbüchern erfasste sie in alphabetischer Reihenfolge Aussehen und Eigenschaften verschiedener Substanzen, woraus sie gewonnen werden, ihre Wirkursachen und diejenigen Stoffe, mit denen sie sich nicht vertragen. Unter dem Stichwort Gentiana (Enzian) ist beispielsweise vermerkt: „Sieht aus wie russische Schokolade.“ Bei einem Extrakt aus Mutterkorn steht Folgendes: „Riecht wie schlecht gewordener Fleischextrakt.“ Sie fertigte sich Tabellen über die Zubereitung von Antimon, Belladonna, Digitalis und Morphium an und notierte die empfohlenen Dosierungen. Dabei kam ihr auch die Idee zu ihrem ersten Roman „Das fehlende Glied in der Kette“, als eines Tages eine größere Menge Arsen spurlos aus den Giftschränken der Apotheke verschwand.

Ich kenne mich nicht aus mit Pistolen und Revolvern, deshalb werden meine Figuren mit einem stumpfen Gegenstand oder besser noch mit Gift umgebracht. Gift ist raffiniert und sauber und wirklich aufregend. Ich glaube nicht, dass ich einer grässlich entstellten Leiche ins Antlitz schauen könnte.

Agatha Christie

Lebensrettende Lektüre

Ohne es zu wissen, rettete Agatha Christie mit einem ihrer Romane auch ein Menschenleben. In „Das fahle Pferd“ war Thallium das Mordinstrument. In England wurde 1977 ein 190Monate altes Kleinkind mit schweren, aber unspezifischen Krankheitszeichen ins Spital eingeliefert. Die Ärzte rätselten über die Ursachen, bis plötzlich eine Krankenpflegerin den entscheidenden Hinweis lieferte: Thallium! Die Symptome des Kindes ähnelten nämlich jenen des Mordopfers im Roman, den die Pflegerin erst kürzlich gelesen hatte. Mit ihrer „Diagnose“ hatte sie schließlich recht und das Kind konnte mit einem Antidot gerettet werden. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass die Eltern zu Hause ein thalliumhaltiges Rattengift ausgelegt hatten, dass ihr Kind in den Mund gesteckt haben musste.

Zu den gefährlichsten Giftpflanzen gehören aber auch der Blaue Eisenhut (Aconitum napellus), die Schwarze Tollkirsche (Atropa belladonna), die Herbstzeitlose (Colchicum autumnale), der Fingerhut (Digitalis) und der Gefleckte Schierling (Conium maculatum), die zwar in den Romanen nicht immer als Mordwaffe dienten, aber trotzdem schon so manchen unliebsamen Mitmenschen um die Ecke gebracht haben.

Fachleute bescheinigen Agatha Christie beim Thema „Gift“ Expertenwissen

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Agatha Christie (1890–1976) © Natata/Shutterstock

Vieles aus dem Giftschrank war die Grundlage der Kriminalromane der britischen Autorin Agatha Christie (1890–1976). Mit bekannten Detektiven wie Hercule Poirot oder Miss Marple wurden die Romanfiguren in 41 ihrer 73 Bücher ins Jenseits befördert. Und das kommt nicht von ungefähr, immerhin arbeitete sie in jungen Jahren als Assistentin in einer Krankenhaus-Apotheke, wo sie sich ihr enormes Fachwissen bei den Giften aneignete.

Während dieser Zeit kam ihr auch die Idee zu ihrem ersten Krimi, als es in der Apotheke zu einem Arsen-Diebstahl kam. Kein Wunder, dass die vielen perfiden Giftmorde später in ihren Romanen selbst meisterliche Spürnasen wie den belgischen Detektiv Hercule Poirot und die jungfräuliche Miss Marple immer wieder vor neue Herausforderungen stellen. Obwohl sich Christie auch Notizen über die tödliche Dosis gemacht hat, finden wir in ihren Krimis dazu keine genaue Anleitung. Denn auch hier gilt, wie bei vielen anderen Pflanzen, der Spruch des Naturforschers Paracelsus (1493–1541): „Alle Ding sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“

Nikotin: Starkes Nervengift

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Die Tabakpflanzen synthetisiert das Nikotin in den Wurzeln und transportiert es in die Blätter. Dort dient es der Abwehr von Insektenfraß © meunierd/Shutterstock

Biologische Bezeichnung: Nicotin  
Vergiftungssymptome: Erbrechen, Hautrötungen, Blässe, Unruhe
Opfer: 1851 wies der belgische Chemiker Jean Servais Stas nach, dass Hippolyte Visart de Bocarmé sein Opfer Gustave Fougnies mit Nikotin vergiftet hatte.

Nikotin, benannt nach Jean Nicot, ist ein Alkaloid, das vorwiegend in der Tabakpflanze (Nicotiana) vorkommt und ein starkes Nervengift darstellt. Es hat im Hirn die gleichen neurobiologischen Folgen wie Kokain, Heroin oder Amphetamine. Reines Nikotin wurde früher im Pflanzenschutz als Pestizid gegen saugende oder beißende Insekten eingesetzt, allerdings wegen der hohen Toxizität in den 1970er Jahren in dieser Anwendung verboten. Synthetisch hergestellte ­Insektizide wie beispielsweise E 605 wurden als Ersatz verwendet.

Blausäure: Süßer Mandelduft

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Die Kerne der Bittermandeln enthalten im Gegensatz zu Süßmandeln von Natur aus Amygdalin, das während des Verdauungsprozesses im Körper in Blausäure umgewandelt wird © R. Maximiliane/Shutterstock

Chemische Bezeichnung: Blausäure HCN, Zyankali KCN
Vergiftungssymptome: Kopfschmerzen, ­Atemnot, Schwindel, Ohnmacht, Krämpfe, Erbrechen
Opfer: Kaiser Augustus (63 v. Chr. –14 n. Chr.), Adolf Hitler, Hermann Göring, Heinrich Himmler und Joseph Goebbels starben durch den Biss auf eine Zyankali-Kapsel.

Cyanide – also Blausäure und ihre Salze – sind in vielen Obstkernen und Gräsern (u. a. Zuckerhirse, Bambus), aber auch in Maniok, Leinsamen und Limabohne enthalten. Unreife Bambussprossen, die in östlichen Ländern als Delikatesse gelten, enthalten hohe Blausäuregehalte; Vergiftungsfälle sind bekannt. Sie sind Bestandteil vieler Haushalts-Chemikalien. Seit Jahrhunderten werden sie aber auch als Gift verwendet, das nicht nur oral, sondern auch über Hautkontakt oder durch Einatmen verabreicht wird.

Die Bezeichnung „Blausäure“ rührt von der Gewinnung aus Eisenhexacyanoferrat (Berliner Blau) her, einem lichtechten, tiefblauen Pigment. Typisch ist der süßliche Geruch nach Bittermandeln. Das bekannteste Cyanid ist Zyankali, das in Kapselform früher als Selbsttötungsmittel für Spione und Soldaten diente. In Gefangenschaft konnte man damit einer Folter entgehen und den Freitod wählen. Blausäure ist extrem giftig, schon 1 bis 2 mg/kg Körpermasse wirken tödlich. Der Tod tritt innerhalb von 5 Minuten durch Sauerstoffmangel ein.

Strychnin: Mäuse- und Rattenvernichter

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Aus den Samen der Brechnuss wird das hochgiftige Strychnin gewonnen © pisitpong2017/Shutterstock

Chemische Bezeichnung: C21H22N2O2  
Vergiftungssymptome: Atemnot, Zittern/Zucken der Muskeln, schwere Krämpfe
Opfer: Vermutlich wurde das Bedford-Downs-Massaker an Aborigines vom Stamm der Kija mit Strychnin verübt. Vergiftungssymptomen zufolge war Alexander der Große (356–323 v. Chr.) eines der ersten Strychnin-Opfer. Des Weiteren die US-Amerikanerin Jane Stanford, Gründerin der gleichnamigen Universität.

Aus dem Samen der Gewöhnlich-Brechnuss (Strychnos nux-vomica) und der Ignatius-Brechnuss (Ignatia amara) lässt sich das hochgiftige Alkaloid Strychnin gewinnen, das erstmals 1818 durch die französischen Apotheker Pierre Joseph Pelletier und Joseph Bienaimé Caventou isoliert wurde. Im Gegensatz zur Darstellung in Kriminalromanen eignet sich Strychnin schlecht zum Mord durch (orale) Vergiftung, da es extrem bitter schmeckt. Dennoch sind vereinzelte, auf Vergiftung mit Strychnin zurückzuführende Morde dokumentiert. Eine Menge von 30 bis 120 mg Strychnin kann für einen erwachsenen Menschen tödlich sein. Strychnin wird rasch über die Schleimhäute aufgenommen.

In der ayurvedischen Medizin spielt Strychnin eine bedeutende Rolle und wird bei Appetitlosigkeit, Fieber, Anämie, Hexenschuss und zur Anregung der Darmperistaltik angewendet.

Oxalsäure: Giftiges Gemüse

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Die Oxalsäure – in vielen Gemüsearten zu finden – eignet sich schwer als Tötungsgift © Marika Kosheleva/Shutterstock

Chemische Bezeichnung: C2H2O4  
Vergiftungssymptome: Lähmungserscheinungen bei größeren Mengen, ­Nierenschäden
Opfer: Keine maßgeblich bekannten Mordanschläge, da Oxalsäure in geringen Mengen für Menschen ungefährlich ist.

Oxalsäure wurde 1769 durch Johann Christian Wiegleb im Sauerklee (Oxalis acetosella) entdeckt und war anfangs als „Kleesäure“ bekannt. Die Säure und ihr Kaliumsalz kommen auch in größeren Mengen in Rhabarber und anderen Knöterichgewächsen wie Sauerampfer vor. Selbst Sternfrüchte, Mangold, Kakao, Schokolade und Rote Rüben enthalten Oxalsäure.

Verwendung findet Oxalsäure zur Entfernung von Rostflecken, als Bleichmittel oder in der Steinverarbeitung zum Glanzpolieren von Marmor. Nierensteine bestehen meist aus Calciumoxalat und Harnsäure, die Steinbildung wird aber durch Zitronensäure, die in Früchten vorkommt, verhindert. Problematisch kann der Verzehr von Oxalsäure nicht nur bei Nierensteinen oder Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes werden, sondern auch, weil diese Säure die Resorption von Calcium und Eisen aus der Nahrung blockiert. Eine Schwierigkeit für alle, die bewusst auf eine calcium- und eisenhaltige Kost achten müssen.

Digitalis: Herzglykoside im Fingerhut

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Alle Pflanzenteile des Fingerhuts sind hochgradig giftig. Das Glykosid Digoxin wird meist aus dem Wolligen Fingerhut gewonnen © Alexander Varbenov/Shutterstock

Chemische Bezeichnung: Digoxin C41H64O14, Digitoxin C41H64O13
Vergiftungssymptome: Verdauungsstörung, Herzrhythmusstörung, Müdigkeit, Sehstörung, Übelkeit, Ohrensausen

Digoxin ist eine chemische Verbindung, die natürlich in Arten der Fingerhut-Gattung (Digitalis) vorkommt. Der Fingerhut ist in der Volksmedizin schon lange bekannt und wird seit dem späten 18. Jahrhundert medizinisch verwendet. Die Herzglykoside sind in der Lage, auf das Herz eine die Schlagkraft steigernde und die Herzfrequenz senkende Wirkung zu entfalten. Oft werden diese vereinfachend nur als „Digitalis“ bezeichnet, in Anlehnung an den Fingerhut, der diese Stoffe enthält. Die Wirkstoffe werden heute überwiegend aus dem Wolligen Fingerhut gewonnen. Bereits der Verzehr von zwei bis drei Fingerhutblättern kann tödlich enden. Aufgrund des bitteren Geschmacks kommt es allerdings selten dazu.

Morphium: Natürliches Schmerzmittel

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Morphium/Morphin wird aus Opium, dem getrockneten Milchsaft des Schlafmohns, gewonnen © razzel/Shutterstock

Chemische Bezeichnung: C17H19NO3  
Vergiftungssymptome: Halluzination, Blutdruckabfall, Übelkeit, Albträume, Atemstillstand
Opfer: Im Zweiten Weltkrieg kam Morphin häufig zum Einsatz, um unliebsame Menschen aus dem Weg zu räumen.

Morphin (ehemals Morphium) ist ein Haupt-Alkaloid des Opiums und wird in der Medizin als eines der stärksten bekannten natürlichen Schmerzmittel (Analgetikum) eingesetzt. Morphin wurde erstmals 1804 von dem deutschen Apotheker Friedrich Wilhelm Adam Sertürner in Paderborn isoliert, der den Stoff zunächst Morphium nach Morpheus, dem griechischen Gott der Träume, nannte.

Der Stoff wird aus Opium, d. h. aus dem getrockneten Milchsaft des Schlafmohns (Papaver somniferum), gewonnen. Zur Gewinnung von Opium werden die schon dick angeschwollenen, aber noch grünen Mohnkapseln in den Abendstunden stellenweise angeritzt. In den folgenden Morgenstunden wird der getrocknete, braun verfärbte Milchsaft der gegliederten Milchröhren − das Rohopium − durch Abkratzen gewonnen. Dieser Vorgang wird mehrmals wiederholt, bis die Fruchtkapsel gleichmäßig vernarbt ist. Eine Kapsel liefert etwa 20 bis 50 mg Rohopium, das 3 bis 23 % Morphin enthält.

Die Verwendung des Schlafmohns als Nutzpflanze ist in Südeuropa seit der Jungsteinzeit (ab etwa 6.000 v. Chr.) nachgewiesen. Mohn gehört damit zu unseren ältesten Kulturpflanzen.

Rizin: Die Biowaffe

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Der Wunderbaum wird gerne für große Blumenrabatte verwendet – und besitzt einen der giftigsten Eiweißstoffe © Tatiana Belova/Shutterstock

Biologische Bezeichnung: Lektin  
Vergiftungssymptome: Fieber, Durchfall, Erbrechen, Schwäche
Opfer: Bekanntheit erlangte der Mordanschlag mit Rizin als „Regenschirm-Attentat“ auf den bulgarischen Schriftsteller und Dissidenten Georgi Markow in London 1978.

Rizin wird aus den Samen des Wunderbaumes (Ricinus communis) gewonnen und ist einer der giftigsten Eiweißstoffe, die in der Natur vorkommen. Rizin fällt unter die UN-Bio- und Chemiewaffen-Konvention und ist für Geheimdienste interessant, weil es kein wirksames Gegenmittel gibt. Das Öl, das ebenfalls aus den Samen gewonnen wird, ist Bestandteil vieler Kosmetikprodukte wie Lippenstift oder Haarshampoo.

Für eine tödliche Vergiftung eines Erwachsenen sollen 0,25 mg isoliertes Rizin oder 2 bis 4 der gemusterten (ornamentierten) Samenkörner genügen. Der Tod tritt üblicherweise durch Kreislaufversagen etwa 2 bis 3  Tage nach der Vergiftung ein.

Blauer Eisenhut: Tod in der Antike

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Alle Pflanzenteile des Blauen Eisenhuts sind giftig, vor allem aber die Wurzel © Josie Elias/Shutterstock

Chemische Bezeichnung: C34H47NO11  
Vergiftungssymptome: Übelkeit, Lähmungen, Herzrhythmusstörungen
Opfer: Kaiser Claudius (41–54 n. Chr.), Papst Hadrian (1459–1523); Prophet Mohammed soll im 7.  Jh. nur knapp einem Anschlag entgangen sein, weil er den bitteren Geschmack bemerkte.

Der Eisenhut (Aconitum) ist die giftigste Pflanze Europas und war in der Antike nicht nur begehrtes Heilmittel gegen Rheuma, sondern ein vielverwendetes Mordmittel. Es wird heute ­immer noch in homöopathischen Dosen gegen Rheuma und Erkältungskrankheiten eingesetzt. „Aconitin“ gilt als eines der stärksten Pflanzengifte überhaupt und ist wirksamer als Strychnin. Früher wurde es auch für Pfeil- und Ködergifte oder Hexensalben verwendet. 5 mg sind todbringend, der Tod tritt durch Atemlähmung innerhalb einer Stunde ein.

Schierling: Die Hinrichtungs-Pflanze

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Sokrates beschrieb seinen Schülern die Wirkung des Schierlingsbechers, bis er starb © Starover Sibiriak/Shutterstock

Chemische Bezeichnung: C8H17N  
Vergiftungssymptome: brennender Geschmack, Schleimhautreizung, Brechreiz, Schwindel, Verlust des Sprech- und Schluckvermögens und Muskelkrämpfe
Opfer: Bekanntestes Opfer des ­Coniins ist der griechische Philosoph Sokrates, der durch die Gabe eines Schierlingsbechers im Jahre 399 v.  Chr. hingerichtet wurde.

Der Schierling gehört zu den giftigsten einheimischen Pflanzenarten. Sein in allen Teilen vorhandener Wirkstoff ist das Alkaloid Coniin, das für den Erwachsenen in einer Dosis von 0,5 bis 1 g tödlich ist. Der starke Mausgeruch, die geteilten Blätter und die rötlichen Flecken der zudem bereiften Sprosse sind ein klares Erkennungsmerkmal. Der Tod tritt nach 0,5 bis 5 Stunden bei vollem Bewusstsein durch Lähmung der Brustkorbmuskulatur ein.

Der Schierlingsbecher ist eine Form der Hinrichtung, bei der einem Getränk der Saft des Gefleckten Schierlings (Conium maculatum) beigemischt wird. Nur wenn der Verurteilte schnell und schmerzlos aus dem Weg geräumt werden sollte – das war meistens bei politischen Gegnern der Fall –, wurde dem Schierlingsbecher betäubender Mohnextrakt beigegeben. Die erste bekannte Mischung dieser Art stammt von Thrasyas aus Mantinea um 370 v. Chr.

Tollkirsche: Im Namen der Schönheit

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Wer die Beeren der Pflanze isst, kann innerhalb weniger Minuten unter teils heftigen Symptomen wie Atemnot und Herzrasen leiden © Simon Groewe/Shutterstock

Chemische Bezeichnung: Hyoscyamin C17H23NO3  
Vergiftungssymptome: Mundtrockenheit, erweiterte Pupillen, Halluzinationen, Sehstörung, Hitzegefühl, Fieber; Tod durch Atem- und Herzstillstand
Opfer: Der schottische König Duncan soll im Jahr 1048 den dänischen König Sven und den Großteil seines Heeres mit mit Tollkirsche vergifteten Speisen und Getränken ermordet haben.

Wurzeln, Sprossachsen, Blätter und Früchte enthalten eine große Menge an Alkaloiden. Mit 40 bis 87 % ist dabei das Gift Hyoscyamin am stärksten vertreten. Vor Einführung der modernen Psychopharmaka wurde Hyoscyamin in der Psychiatrie zur Behandlung von Erregungszuständen eingesetzt.

Der Gattungsname der Schwarzen Tollkirsche (Atropa belladonna) entspringt der griechischen Mythologie. Die griechische Göttin Atropos gehört zu den drei Schicksalsgöttinnen und ist diejenige, die den Lebensfaden durchschneidet. Die Herkunft des Namens „belladonna“ wird mit dem italienischen Begriff für „Schöne Frau“ assoziiert, da der atropinhaltige Saft eine pupillenvergrößernde Wirkung besitzt und früher zu Schönheitszwecken von Frauen eingesetzt worden ist.

Herbstzeitlose: Erbgutverändernde Wirkung

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Das giftige Alkaloid Colchizin ist in allen Teilen der Herbstzeitlose enthalten © Mariola Anna S/Shutterstock

Chemische Bezeichnung: C22H25NO6  
Vergiftungssymptome: Schluckbeschwerden, blutiger Durchfall, Übelkeit, Bauchschmerzen, Erbrechen; später Haarausfall, Knochenmarkschädigung
Opfer: keine nachweislich bekannten Persönlichkeiten

Colchicin, das Gift der Herbstzeitlose (Colchicum autumnale), wurde früher zur Behandlung von Gicht eingesetzt. Es kommt immer wieder zu tödlichen Vergiftungsfällen durch Verwechslung mit dem Bärlauch. Vergiftungserscheinungen treten meist erst mit 2 bis 6 Stunden Verzögerung ein. Die Symptome äußern sich zunächst in einem Brennen im Mund.

Weitere Gifte aus Agatha Christies Romanen

Arsen: Das Gift der Gifte

Chemische Bezeichnung: As, Ordnungszahl 33
Vergiftungssymptome: Durchfall, Erbrechen, Krämpfe, Magenschmerzen
Opfer: Einige Forscher vermuten, dass Napoleon Bonaparte (1769–1821) an Arsen und nicht an Magenkrebs starb. Der chinesische Kaiser Guangxu, der 1908 offiziell an Tuberkulose starb.

Arsenverbindungen kennt man schon seit dem Altertum. Obwohl sie hochgradig giftig sind, finden sie Verwendung als Bestandteil einzelner Arzneimittel. Arsen galt als „Erbschaftspulver“, da es geruchs- und geschmacksneutral ist und bis 1832 im Körper eines Toten nicht nachgewiesen werden konnte. Im Ersten Weltkrieg wurden Arsenverbindungen in chemischen Kampfstoffen (Blaukreuz) oder Lewisit eingesetzt. Bei den betroffenen Opfern bewirkten sie durch Angriff auf Haut und Lungen grausame Schmerzen und schwerste körperliche Schädigungen.

Trotz der Bedeutung als Mordgift war Arsen Anfang des 19. Jahrhunderts eines der bedeutendsten Asthmamittel. Zu dieser Zeit wurde es in Form von Kupferarsenaten auch in Farbstoffen wie dem „Pariser Grün“ eingesetzt, mit denen Tapeten bedruckt wurden. Bei hoher Feuchtigkeit wurden die Pigmente durch Schimmelpilzbefall unbeabsichtigt in giftige flüchtige Arsenverbindungen umgewandelt, die nicht selten zu chronischen Arsenvergiftungen führten.

Thallium: Das Geheimdienst-Gift

Chemische Bezeichnung: Tl, Ordnungszahl 81  
Vergiftungssymptome: Übelkeit, Erbrechen, Haarausfall, Lähmungen, Sehstörung
Opfer: Der irakische Diktator Saddam Hussein und die Stasi der DDR sollen mit Hilfe des Schwermetalls unliebsame Menschen aus dem Weg geräumt haben.

Das weiche, graue, dem Blei sehr ähnliche Metall ist äußerst giftig und wurde 1861 in England von Sir William Crookes entdeckt. Die tödliche Dosis für Erwachsene beträgt ca. 800 mg. Wegen der Geruchs- und Geschmacksneutralität geradezu perfekt für den Giftmord.

Thallium wird u. a. für niedrigschmelzende Gläser, für infrarotdurchlässige Gläser, als grüner Leuchtstoff in Seenotraketen, zur Herstellung von Fotozellen und als Rattengift (inzwischen wegen der Giftigkeit in vielen Ländern verboten) verwendet.

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